Wo die Verantwortung für sich selbst geschult wird

SEGELFLIEGEN:
22 Frauen trainieren Streckenflug auf dem Ebenberg - Warten auf besseres Wetter

LANDAU (thc). "Weil ich immer noch was lernen kann, weil man andere Leute kennen lernt und", Sandra Schwerdtfeger legt nach, "weil es mit Frauen doppelt so viel Spaß macht!" Die 29-Jährige aus Lachen-Speyerdorf, sie trägt ein sandfarbenes Twinset unter einer grauen Jack-Wolfskin-Jacke, ist eine von 22 Teilnehmerinnen des Streckenflugtrainings auf dem Landauer Segelfluggelände Ebenberg. 14 Jahre betreibt sie den Sport schon. Dina Zimmermann (18) aus Jockgrim ist erst seit drei Jahren dabei.

Gisela König aus Godramstein und Mirja Klicks aus Werdohl sind zwei von 14 Trainern, die ihnen in Theorie und Praxis zur Seite stehen; sie haben die Veranstaltung organisiert.

Theorie gibt es häufiger beim zweiten Treffen von Segelfliegerinnen aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Seit Samstag taugte nur ein Tag zum Streckenfliegen. Am Montag wurden alle Flugzeuge unbenutzt wieder untergestellt, weil sich eine Gewitterfront mit einer Mächtigkeit von 150 Kilometern
über Paris befand und die Front schon bald die Sicht auf den Pfälzerwald nahm.
Gestern vertrieben sich die Frauen die Zeit mit einem Ziellandewettbewerb: Start an der Winde, ein paar Kreise ziehen, landen und dabei möglichst punktgenau die Markierung auf der Bahn treffen. Ein Spaß ist da auch die Einladung an den Journalisten zu seinem ersten kurzen Segelflug mit der Mainzerin Claudia Gallikowski (44), Referentin im hessischen Umweltministerium.

Fallschirm überstreifen, die nötigsten Erklärungen. Von null auf hundert in vielleicht drei Sekunden, abheben, hochziehen auf 300 Meter bis fast an die tief hängenden Wolken, ausklinken - und erleben, wovon die Menschen tausend Jahre geträumt haben, wie Gallikowski verspricht. Der Duo-Discus mit 20 Meter Spannweite sei schön wie eine Möwe.
"Ein bisschen blass um die Nase", beschreibt eine Mitstreiterin Minuten später den Novizen. Aus der punktgenauen Landung war nichts geworden, weil eine zweite Maschine ebenfalls gerade landete. Sicherheit geht vor unter Segelfliegern.

Der Ziellandewettbewerb ist Zeitvertreib und die Schulung für
Außenlandungen, die nicht ungewöhnlich sind. Die Theorie zum Thema Endanflüge gibt es nach dem Wettbewerb im Clubraum dazu. ¸¸Wenn man es
optimal kann, kann man fünf bis zehn Minuten sparen," erklärt König, die Trainerin in der rot-schwarzen Regenjacke. Wer zu tief ist, muss erst wieder
Höhe gewinnen, wer zu hoch ist, könnte Auftrieb bekommen und weiter steigen.
Auch DM-Teilnehmerinnen wie Gallikowski, Schwerdtfeger und Gundula Goeke aus Dinslaken, Zweite der vor zehn Tagen bei Bautzen zu Ende gegangenen Meisterschaften in der Standardklasse, üben es immer wieder. Zimmermann, Gymnasiastin in Herxheim, ist eine Anfängerin. Im Herbst 2003 machte sie ihren Segelflugschein. Inzwischen kommt sie auf 250 Einzelstarts und 100 bis 150 Flugstunden. Beim Dannstadter Vergleichsfliegen im
Mai ist sie zum ersten Mal über 300 Kilometer gesegelt. ¸¸Es ist ganz toll, die Verantwortung für sich selbst", beschreibt sie die Erfahrung des Alleinfliegens, die theoretisch schon mit 14 Jahren gemacht werden kann. Nun habe sie auf dem Ebenberg das Vertrauen gefunden, dass es sich auch bei niedriger Basis, 1000 Meter Wolkenunterdecke, gut segeln lasse. Gestern freilich waren es nur 500 Meter bis zur Wolkenunterdecke. Für die 18- Jährige ist Segelfliegen noch ein Hobby, jedenfalls bis sie ihr Abitur hat: ¸¸Ich würde schon gerne in Richtung Leistungssegelflug gehen, aber es ist sehr zeitaufwändig."

König (55), Lehrerin, hat Ferien und ist seit 1964 rund 2500 Stunden geflogen. Klicks, sie studiert Architektur in Siegen, kommt seit 1988 auf rund 900
Flugstunden. Kritische Situationen haben beide noch nicht erlebt. ¸¸Man muss sich nur an die Spielregeln halten", sagen sie.

Zu den Regeln gehört auch die richtige Ernährung und Kondition. Tests von Medizinern hätten gezeigt, dass in der Start- und Landephase eine Herzfrequenz bis 180 erreicht werde, erklärt König. Persönliches Wohlbefinden ist eine der ¸¸Grundlagen des erfolgreichen Streckenfliegens", Lehrstoff am Montag auf dem Ebenberg.

Von den Teilnehmerinnen, die im Zelt, in der Pension oder im Wohnwagen übernachten, kennt König die Umgebung am besten. Gute Thermikplätze sind
die Pfälzer Bergkante, über Neustadt der sandige Wald und der Odenwald, wo es möglich sei, Anschluss bis zur Schwäbischen Alb zu finden.
Die Theorie nimmt viel Raum ein im Trainingscamp, mehr als beim ersten der vor zwei Jahren gebildeten Kooperation Frauen, die ein Manko ausgleichen soll: Frauen sind im Segelflugsport immer noch in der Minderheit. Auch Königs Einladung zu einer Exkursion ins Naturschutzgebiet Ebenberg hat Anklang unter ihnen gefunden. Entdeckt werden können Pflanzen wie das in Südfrankreich heimische Salzhasenohr und - im September - Fledermäuse auf der Durchreise. Das wird auch die Biologin Gallikowski interessieren.
Ihre Umweltverbundenheit zeigt König, Mitglied des AeC Landau, auch, wenn sie ihren neuen Stolz zeigt: den Elektromotorsegler ¸¸Antares", der in
Zweibrücken gebaut wird. Der Motor wird als Starthilfe genutzt.
Alle warten auf besseres Wetter. König: ¸¸Vor zwei Jahren sind wir nur geflogen, da war die Theorie zu kurz gekommen. Ich bin sicher, dass wir ab Donnerstag wieder fliegen." Das Streckenflugtraining, das die Frauen im Internet unter www.seko-nrw.de/frauensegelflug/Landau2004 dokumentieren,endet am Samstag.